Über Sie und Ihre Arbeit
Bücherwahn: Erstmal vielen Dank, dass Sie sich etwas Zeit für uns nehmen.
Zum Einwärmen eine etwas fiesere Frage. Wie würden Sie sich selber beschreiben?
Thomas Finn: Ach Gott, das ist schwierig. Ich bin gerade 40 Jahre alt geworden und lebe in der schönsten Stadt Deutschlands, also Hamburg ?. Ich schätze mich als humorvoll ein, meine Interessensgebiete sind weit gefächert und kann mich manchmal zu einem richtigen Arbeitstier entwickeln. Wenn ich an einem Roman arbeite, dann tauche ich quasi zwei bis drei Monate völlig ab und mich bekommt – abgesehen von meiner Freundin und meinem engsten Freundeskreis - kaum jemand zu sehen.
Wer mehr erfahren will, werfe am besten einen Blick auf meine Webseite unter www.thomas-finn.de und suche dort die Rubrik „Über mich“ auf.
Sie wurden 1967 in Chicago geboren. Wie lange lebten Sie in Amerika, bevor es wieder zurück in die Heimat ging? Gibt es heutzutage noch eine Bindung zwischen Ihnen und den USA?
Mit meinem Geburtsort kokettieren vor allem die Verlage gern. Das klingt so hübsch international. Die profane Wahrheit ist, dass meine Eltern einige Jahre in den USA gearbeitet hatten, als ich zur Welt kam. Doch kaum war ich auf der Welt, zogen sie bereits wieder zurück nach Deutschland. Von echten amerikanischen Einflüssen ist bei mir also kaum etwas zu spüren – sieht man einmal davon ab, dass ich wie viele andere Kollegen auch stark von amerikanischer Literatur und amerikanischen Filmen geprägt bin.
Auf Ihrer Homepage schreiben Sie "Fesselnde Romane, Drehbücher oder Theaterstücke entspringen nur zu 50% dem Talent des jeweiligen Autors - der Rest ist solides, mit Mühe und Schweiß erlerntes Handwerk." Sie sprechen aus Erfahrung?
Aber ja. Vorweg muss ich sagen, dass ich davon überzeugt bin, dass in jedem von uns ein Geschichtenerzähler steckt, nur dass viele diese Neigung nicht beruflich ausleben können. Wer sich dazu aber entschließt, sollte sich unbedingt auch mit dem Handwerkszeug des Schreibens befassen. Konditor wird man ja ebenfalls nicht dadurch, indem man hin und wieder mal einen Kuchen backt. Und entgegen einem weit verbreiteten Irrglauben, wird man nicht dadurch automatisch zum Schriftsteller, indem man wartet bis man von der Muse geküsst wird – was auch immer das sein soll. In den USA hat man das schon lange begriffen, da werden Schreibkurse sogar am College angeboten. Die Tradition des Geschichtenerzählens blickt immerhin auf eine mehrtausendjährige Geschichte zurück. Um was es sich dabei im Einzelnen handelt, darüber wurden ganze Bücher verfasst. Einige dieser Werke habe ich für Engagierte auf meiner Webseite unter „Tipps“ aufgelistet.
Tja, und dann kommt da noch der unbedingte Glauben an sich selbst hinzu, ebenso wie die Bereitschaft, schwer an sich und seinen Werken zu arbeiten.
Wenn man sich Ihre Arbeiten ansieht liest man da Sachen wie Spielepublikationen, Theaterstücke, Drehbücher und natürlich Romane. Gibt es eigentlich irgendetwas Schriftliches, wo Sie nicht Ihre Finger im Spiel haben?
Ja, Hörspiele – die man nicht mit Hörbüchern verwechseln darf. Aber vielleicht kommt das eines Tages noch hinzu.
Wenn ich zurückblicke, dann freut es mich sehr, dass ich das große Glück hatte, auf ein solch ausgedehntes Spektrum an Tätigkeiten zurückblicken zu können. Als Autor war das zwar nicht immer nur eine Freude (insbesondere nicht bei den Drehbüchern, wo dir allzu viele Menschen hineinreden wollen), aber all diese Arbeiten haben sich in jedem Fall gegenseitig befruchtet.
Wie bringt man soviel Arbeiten unter einen Hut? Haben Sie da ein System, bei dem Sie sich z.B. sagen, "Nächsten Monat schreibe ich nur an meinem Roman" oder geht das kreuz und quer vonstatten?
Ehrlich gesagt sah ich mich am Anfang meiner schreiberischen Laufbahn schon aus finanziellen Gründen dazu gezwungen, auf verschiedenen Gebieten zu arbeiten. Unter einen Hut bekommt man das nur durch strenge Arbeitsdisziplin, wozu natürlich auch ein solides Zeitmanagement gehört. Man muss genau wissen, welches Projekt man bis wann fertigstellen kann. Denn wenn Verlage, Theatermacher und/oder Filmproduzenten eines hassen, dann ist es, wenn die Autoren ihre Termine nicht einhalten. Und das kommt weitaus öfter vor, als man denkt.
Sie schreiben Drehbücher für Serien wie "Ein Pfundskerl" oder "Die Kinder vom Alstertal". Wie kamen Sie dazu, und was reizt Sie daran?
Nach Beendigung meines VWL-Studiums, das zusammen mit meiner kaufmännischen Ausbildung eher in Richtung Werbewirtschaft zielte, musste ich mich entscheiden, was ich wirklich vom Leben wollte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir bereits einen Namen als Autor von Fantasy-Rollenspielen gemacht, darunter vor allem bei Das schwarze Auge und H.P. Lovecrafts Cthulhu. Und ich konnte damals auf meinen ersten Roman und meine ersten zwei Kurzgeschichten zurückblicken.
Ich musste mir eingestehen, dass ich mir mit meinen Ausbildungen eigentlich nur die Zeit erkauft hatte, gründlich das Autorenhandwerk zu erlernen und dass es das war, wofür mein Herz schlug. Da zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar war, dass ich von alledem würde leben können, sah ich mich nach anderen Betätigungsfeldern um. Und so kam es, dass ich zunächst zweieinhalb Jahre als Lektor und Dramaturg in einem Theater- und Drehbuchverlag gearbeitet habe. Diese Zeit war außerordentlich lehrreich für mich.
Da die Stoffe, die bei uns eingereicht wurden, zum Teil ziemlich durchwachsen waren, entschlossen sich mein damaliger Chef, Volker Ullmann, und ich uns dazu, selbst Stoffe zu verfassen. Und das auch mit einigem Erfolg. Die Kirch-Pleite und die damit einhergehenden Umstrukturierungen auf dem Fernsehmarkt brachten es dann mit sich, dass wir uns stärker dem Theater zuwandten. Unter anderem auch deswegen, weil Volker – der bis heute mein Schreibpartner in den Belangen Drehbuch und Theater ist – ausgebildeter Schauspieler und Fechtmeister ist.
Abgesehen von der beruflichen Herausforderung reizt mich an der Arbeit für Film und Theater bis heute, dass die Schauspieler genau das sagen, was du ihnen in den Mund gelegt hast. Ärgerlich wird es nur dann, wenn der Regisseur nicht verstanden hat, wie eine Szene inszeniert werden soll.
Zurück zu Ihrem aktuellen Schreibprojekt "Die Chroniken der Nebelkriege“. Wie kam die Story zustande? Kam der Input von Ihnen, oder kam der Verlag auf Sie zu?
Mein Agent wandte sich damals an mich und bat mich darum, mich an einem phantastischen Stoff für Jugendbücher zu versuchen. Eine Aufforderung, der ich begeistert nachkam. Denn irgendwie haben es mir jugendliche Helden schon immer angetan. Ein Grund dafür mag sein, dass Teenager und Twens ihren Platz im Leben privat wie beruflich erst noch finden müssen. Solche Protagonisten besitzen damit ein interessantes Entwicklungspotential.
Konkret spukte mir die Story des Irrlichtjägers, der in ein großes, phantastisches Abenteuer verstrickt wird, schön länger im Kopf herum. Ebenso, wie ich schon immer eine phantastische Geschichte schreiben wollte, die in einem magischen Spiegelbild des mittelalterlichen Nordeuropas angesiedelt ist. Immerhin übernehmen sehr viele Phantastik-Autoren die Sagen und Mythen unseres Kulturkreises, nur entwerfen sie dann gänzlich neue Weltengebäude, um diese Elemente einzubauen.
Ich wollte damals einen anderen Weg einschlagen, nämlich eine Bühne ersinnen, die sofort ein Gefühl der Vertrautheit erzeugt. So kam es, dass sich die Welt des Unendlichen Lichts von Albion in Norden – ein alter Name für England -, über Städte und Landschaften wie Hammaburg (Hamburg), Colona (Köln), Halla (Halle), Fryburg (Freiburg), die Harzenen Berge (Harz), die Schwarzen Wälder (Schwarzwald) bis hinunter zum Alptraumgebirge (die Alpen) spannt. Bevölkert wird sie von Menschen, Elfen, Kobolden, Zwergen, Wichteln und Däumlingen aber auch anderen Wesen, die man aus der europäischen Sagenwelt kennt.
Es hat mir großen Spaß bereitet, all diese vertrauten Elemente zu einem spannenden und stimmungsvollen Mix zu verbinden.
Ihre Trilogie erscheint ja im Ravensburger Verlag, welcher vielen Lesern wohl eher als Spiele - und Jugendbuchverlag bekannt sein dürfte. Wo (in welcher Altersklasse) würden Sie Ihre Romane ansiedeln?
Die ‚Chroniken der Nebelkriege’ sind ohne Zweifel in die Kategorie „All-age-Literatur“ einzuordnen. Dazu gehören bekanntlich auch Geschichten wie Harry Potter sowie die Werke meiner Kollegen Kai Meyer, Ralf Isau und Cornelia Funke. Verlagsseitig ist die Zielgruppe auf 13+ ausgelegt, faktisch erreichen mich im gleichen Maße Zuschriften von Teenagern wie von Erwachsenen. Mich freut das, immerhin handelt es sich bei den Chroniken um eine Trilogie, die ich auch selbst gern lesen würde.
Die Romane der Trilogie erschienen allesamt als Hardcover. Ist es für einen Verlag nicht riskant, eine neue Story als Hardcover zu veröffentlichen, oder verließ Ravensburger sich auf Ihren Namen, der im deutschsprachigen Raum sicher ein Begriff ist?
Jein. Ganz so einfach darf man sich das in seiner Wechselwirkung nicht vorstellen. Phantastische Jugendbücher boomen ja schon eine Weile. Ravensburger hat damals wie viele andere Verlage ebenfalls nach Autoren gesucht, die diese Nische ausfüllen können. Da stand sicher im Vordergrund, dass mein damaliges Exposé zu überzeugen wusste. Als Autor muss man sich in einem bestimmten Bereich ja erst einmal etablieren.
Dass „Das unendliche Licht“ dann gleich als gediegenes Hardcover erschien, freut mich natürlich. Für ein Projekt, das als Verlagsschwerpunkt beworben wird, ist das aber nicht ungewöhnlich. Vor allem, da fast jeder in der Branche weiß, dass Buchhändler und Rezensenten Taschenbücher zunächst nur mit mäßigem Interesse annehmen.
Wenn man Sie bei Ihrer Arbeit als Autor überraschen würde, wie / wo würde man Sie da vorfinden?
In meinem Arbeitszimmer im dritten Stock unseres Hauses, mit Blick auf die Wipfel grüner Bäume, die auf einem Innenhof wachsen. Wenn ich meine Gedanken schweifen lasse, kann ich hin und wieder sogar Eichhörnchen beobachten, die auf den Ästen herumturnen. In der Regel bin ich umringt von Büchern, Kopien und Aufzeichnungen, während ich die Tastatur meines Computers bearbeite.
Gibt es schon weitere Projekte, die niedergeschrieben werden wollen?
Aber klar, die gibt es und davon auch gleich mehrere. Aber zu alledem kann ich im Moment noch nichts verraten. Wer mehr darüber wissen möchte, sollte in den kommenden Wochen auf meiner Webseite Ausschau halten oder sich für meinen unregelmäßig erscheinenden Newsletter anmelden.
Ist es Ihnen überhaupt noch möglich, sich in Ihrem Wohnort unerkannt in der Öffentlichkeit zu bewegen?
*Schallendes Gelächter* Aber ja. Ich heiße ja nicht J.K. Rowling.
Wie nimmt Ihre Umgebung Ihre Arbeit wahr?
Nun, glücklicher Weise mögen meine Freundin und auch mein engster Freundeskreis die von mir ersonnen Geschichten sehr gern. Mit einigen Freunden diskutiere ich vor und während meiner Arbeit immer mal wieder bestimmte Aspekte meiner Storys durch, so dass ich mir sicher sein kann, keinen Unsinn zu schreiben. Davon abgesehen verfolgt mein Freundeskreis meine Arbeit zwar mit Interesse, aber auch nicht mehr. Warum auch, es gibt schließlich Wichtigeres im Leben.
Für wen schreiben Sie? Für die Fans, für Sie selber oder einfach so?
Hm, wenn ich jetzt antworten würde „Nur für mich“, wäre das nur zum Teil wahr. Dabei schreibt sicher jeder Autor das, was ihn vornehmlich selbst begeistert. Selbstverständlich schreibe ich für die Öffentlichkeit. Und die möchte ich gut unterhalten.
Kurz und Knackig![/b]
Das finde ich ganz und gar nicht witzig...
Die Entführung der kleinen Madeleine aus der Ferienanlage in Portugal.
Zuletzt habe ich mich totgelacht über...
Einen Cartoon, der jetzt bei uns im Bad hängt – neben vielen anderen, die dort bereits die Wände zieren.
Schwach werde ich bei...
Gummibärchen und Vanilleeis. Allerdings nicht in dieser Kombination.
Das wollte ich schon immer einmal machen... (außer dem Schreiben)
Hm, ich habe eigentlich alles gemacht, was ich schon immer machen wollte.
Über Ihre Mitarbeit bei "Die Gezeitenwelt".[/b]
Die Gezeitenwelt ist ja ein Projekt von 4 verschiedenen Autoren. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?
Die grundsätzliche Idee einer Welt, die von einem mysteriösen Meteoriten getroffen wird, dessen Einschlag nicht nur große Katastrophen auslöst sondern auch eine geheimnisvolle Traummagie mit sich bringt, stammt von Bernhard Hennen.
Bernhard suchte damals drei versierte Mitstreiter für dieses Projekt, die er dann in meinen Kollegen Hadmar von Wieser, Karl-Heinz Witzko und mir gefunden hat. Wir vier kannten uns über die Tätigkeiten für das Fantasy-Rollenspiel Das schwarze Auge.
Hinter dem Pseudonym „Magus Magellan“ stehen vier Autoren. Wie kam es zu dem Pseudonym und wie sieht das hinter den Kulissen aus? Da muss doch ein immenser Aufwand dahinter stecken?
Oh ja. Um zu viert eine ganze Welt zu ersinnen, bedarf es vieler persönlicher Treffen sowie unzähliger Emails und Telefonate. Die Telekom hat in jedem Fall gut an uns verdient.
Zu dem Pseudonym „Magus Magellan“ entschieden wir uns nach meinem Roman „Das Weltennetz“. Der Verlag stellte damals fest, dass es eines einigenden Namens bedurfte, damit die Saga im Buchhandel auch in einem Regal steht – und nicht verstreut abgelegt unter den Buchstabenkürzeln der Einzelautoren.
In den Romanen rund um die Gezeitenwelt erinnert viel an vergangene Kulturen unserer Welt oder scheint daran angelehnt zu sein. Zufall?
Jein. Anlehnungen an die irdische Historie und an irdische Kulturen schaffen Vergleichsmöglichkeiten. Als Autor kann man so leichter überprüfen, ob bestimmte Herrschaftssysteme oder bestimmte kulturelle Gepflogenheiten im geschichtlichen Kontext – also auf Dauer - überhaupt funktioniert haben. Als Leser hingegen fällt es einem durch solche Anlehnungen etwas leichter, in eine komplexe Welt wie die Gezeitenwelt einzutauchen. Hier muss ich vielleicht auch noch einmal betonen, was wir unter Welt verstehen: drei komplette Kontinente und zahlreiche Archipele – und nicht nur den Ausschnitt eines Kontinents und seine (paar) Länder, wie man es bei anderen Romanen findet.
Dabei sind die Anlehnungen, derer wir uns bedient haben, eher marginal. Alle beschriebenen Kulturen weisen einen gehörigen Schuss Phantastik auf – also ganz so, wie es sich für Romane dieses Genres gehört.
Wie lange dauerten und wie umfangreich waren die Vorbereitungen, bevor der erste Roman erschien.
Zwei komplette Jahre! Die Gezeitenwelt ist nämlich im engen Zusammenspiel mit Geophysikern und anderen wissenschaftlichen Beratern entstanden. So existieren detaillierte Pläne zur Kontinentaldrift sowie Weltkarten mit Wind- und Meeresströmungen. All das war notwendig, um die Folgen des Impacts glaubhaft beschreiben zu können und hatte auch Einfluss auf zahlreiche Kulturen unserer gemeinsamen Welt. Es stellte sich z.B. heraus, dass die Seerouten der Völker der Gezeitenwelt ganz anders verlaufen mussten, als von uns ursprünglich angedacht. Überraschungen taten sich auch bei den Klimazonen auf. So ergab es sich, dass fast alle unsere Kulturen in weitaus tropischeren Regionen beheimatet waren, als ursprünglich vorgesehen.
Die Gezeitenwelt ist ja auf 12 Bände angelegt. Ist die Story in Ihren Köpfen bereits bei Band 12 angekommen, oder wird die Geschichte "step by step" vorangetrieben?
Es existiert ein großer Handlungsbogen und wir wissen bereits, wie das Ende aussehen wird. Erschienen ist neben dem Präludium „Das Geheimnis der Gezeitenwelt“, ein tatsächlich von uns Vieren gemeinsam verfasster Roman, die erste Staffel, bestehend aus fünf Bänden. Derzeit ruht die Arbeit, aber wir hoffen sehr, dass wir in Bälde die zweite und dritte Staffel angehen können. Mehr dazu in unserem offiziellen Gezeitenwelt-Forum unter www.gezeitenwelt.de.
Allgemeine Fragen[/b]
Im Moment scheinen deutsche Fantasyautoren wie Pilze aus dem Boden zu schießen. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Ich denke, dass es sich dabei um eine Entwicklung handelt, die schon lange überfällig ist. Die Antwort auf diese Frage fällt allerdings vielschichtig aus.
Früher hat man deutschen Autoren schlicht nicht zugetraut, gute Unterhaltungsliteratur zu schreiben. Altbekannte Krimis ja, rasante Thriller nein. In den Siebzigern und frühen Achtzigern waren manche Kollegen sogar gezwungen, sich englisch anmutende Pseudonyme zuzulegen, wollten sie überhaupt ein Lesepublikum finden. Noch heute findet man vereinzelte Leser, die alles ablehnen, was der Feder eines deutschsprachigen Autors entstammt. Es handelt sich hierbei um Lesegewohnheiten, die die phantastische Unterhaltungsliteratur nicht ausnimmt. Allerdings handelt es sich hierbei um eine Literaturform, die sich meiner Wahrnehmung nach erst richtig Anfang/Mitte der Achtziger zu einem eigenständigen Genre entwickelte. Ich erinnere mich noch gut daran, dass damals manch klassischer Fantasyroman unter dem Label „Science Fiction“ vermarktet wurde.
Dass der Buchmarkt ausgerechnet heute deutsche Autoren in großer Zahl (wieder)entdeckt, hat autorenseitig vielleicht auch damit zu tun, dass eine Gesellschaft einer gewissen Leichtigkeit und Lockerheit bedarf, um Geschichtenerzähler dieses Typus hervorzubringen. Zumindest stelle ich fest, dass die phantastische Literatur in Deutschland früher vor allem dann erfolgreich war, wenn sie als Medium genutzt wurde, um politische Botschaften oder Kritik an gesellschaftlichen Missständen unters Volk zu bringen. Recht typisch dafür sind die Romane von Michael Ende - die ich übrigens geliebt habe!
Die phantastischen Geschichten der heutigen Autorengeneration erfüllen andere Ansprüche. Ich muss dafür nur meine eigenen Romane überblicken. Die Botschaft meiner Geschichten handelt im Kern stets von Freundschaft und Wahrhaftigkeit. Und wenn ich mir die von mir gewählten Settings - angefangen bei „Der Funke des Chronos“ bis hin zu meinen „Chroniken der Nebelkriege“ - anschaue, dann sind meine Romane sicher auch Ausdruck eines größeren Selbstbewusstseins als deutscher Schriftsteller. Ansonsten hätte ich es wohl nicht gewagt, Geschichten zu ersinnen, die so unverblümt auf nordeuropäische, will heißen, deutsche Hintergründe setzen.
Die derzeitige (Wieder-)Entdeckung heimischer Phantastik-Autoren hat aber auch ganz praktisch mit der Situation der Verlage zu tun. Diese mussten für die Werke ausländischer Kollegen in der Vergangenheit exorbitante Lizenzsummen hinblättern. Ein Risiko, das viele nicht mehr in dem Maße eingehen wollen, wie noch vor einigen Jahren. Und wenn sich die Übersetzer mit ihrer derzeitigen Forderung nach Tantiemenbeteiligung durchsetzen, dann wird sich diese Situation noch verschärfen – und das durchaus weiter zu Gunsten von uns deutschsprachigen Autoren. Und noch ein letzter Punkt kommt hinzu: Einen der heimischen Sprache mächtigen Autor kannst du als Verlag unproblematisch auf Lesungen entsenden – das ist bei Kollegen aus dem Ausland nur schlecht möglich.
Auch werden deutsche Werke immer öfters ins Ausland "exportiert". Welche Stellung hat denn die deutsche Fantasyliteratur, ihrer Meinung nach im Ausland?
Die Stellung der deutschen Literatur im Ausland ist trotz einiger Achtungserfolge noch immer nicht besonders groß. Je populärer deutschsprachige Autoren werden, desto häufiger wird man natürlich auch von erfolgreichen Auslandsübersetzungen hören. Dabei ist das englischsprachige Ausland am schwersten zu „knacken“, schon deswegen, weil die USA oder England selbst über so viele gute Autoren verfügen. Wie sich das alles in Zukunft entwickeln wird, ist zumindest für mich nicht absehbar.
Vielen Dank für das Interview, im Namen der Redaktion und unserer Leserinnen und Lesern.
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